MarieLies Birchler

(00:00) MarieLies Birchler wurde 1950 in Zürich als erstes von sechs Kindern zu früh mit einem Gewicht von 1800 Gramm geboren. Die Eltern hatten heiraten müssen, weil die Mutter schwanger war. Der Vater genoss das ungewohnte Stadtleben und vernachlässigte die Familie. MarieLies war unterernährt und dauernd krank. Die Fürsorgebehörde versorgte sie und ihren Bruder Hanspeter 1951 in das Waisenhaus der Heimatgemeinde Einsiedeln. Der ursprünglich dreimonatige Erholungsaufenthalt dauerte schliesslich zwölf Jahre.

(04:27) Das Waisenhaus wurde von Ingenbohler Ordensschwestern geführt. Sie sahen in der kleinen MarieLies einen von Teufel besessenen Menschen und bestraften sie wegen ihres Bettnässens und ihres gelegentlichen Widerstandes sadistisch und brutal. MarieLies wurde geschlagen, gedemütigt, hungern gelassen und tagelang unter dem Dach in die Windelkammer eingesperrt, um sie gefügig zu machen: «Der Horror war Alltag.» Mit 13 Jahren kam sie ins Erziehungsheim «Burg» in Rebstein (SG) und mit 18 Jahren ins Erziehungsheim «Waldburg» in St. Gallen, wo sie eine Lehre als Glätterin machen musste. Hier fasste sie zum ersten Mal Vertrauen in ihre Erzieherin Michaela Stürner.

(09:40) Nach der Entlassung aus dem Heim und aus der Vormundschaft mit 20 Jahren arbeitete sich MarieLies Birchler mit zahlreichen Ausbildungen und Weiterbildungskursen zur Psychiatriepflegefachfrau mit Kaderfunktion empor. Aber die psychische Belastung durch die Vergangenheit, der Selbstmord des mit ihr in Einsiedeln versorgten Bruders und ihr eigener Anspruch an perfekte Arbeit liessen sie diese Stellung aufgeben und die Betreuung von Kindern aufnehmen.

(15:57) Hier kann sie die Ideale der Kindererziehung umsetzen, die an ihr selbst mit Füssen getreten worden sind. Sie engagiert sich für andere von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffene Menschen und die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte.

Zeitleiste

Revision des Zivilgesetzbuches (ZGB), 1981: Seither müssen Zwangsmassnahmen durch ein Gericht überprüft werden können.
Gesetz über die Aufarbeitung, 2017: Die Betroffenen werden rehabilitiert und erhalten einen Solidaritätsbeitrag.

Jahr Titel Typ des Anlass
1950 Geburt Mensch
1951 Waisenhaus Einsiedeln Mensch
1968 Erziehungsheim «Waldburg» in St. Gallen Mensch
1970 Ende der Vormundschaft Mensch
1981 Revision des ZGB Welt
1989 Ende Kalter Krieg Welt
2017 Gesetz über die Aufarbeitung Welt
2024 Betreuung von Kindern Mensch

Vernachlässigt

Brief an die Vormundschaftsbehörde

Brief an die Vormundschaftsbehörde
Brief an die Vormundschaftsbehörde
Level 1

Suche im Text: Welche zwei Missstände schildert Herr Schmid?

  • Ehemann misshandelt seine Frau.
  • Ehemann täuscht Arbeit vor.
  • Familie leidet Hunger.
  • Familie hat schon einige Male die Wohnung verloren.
Level 2

Im Dokument werden drei Behörden erwähnt, welche sich mit der Familie Birchler beschäftigen. Welche ergreift die Initiative?

Level 3

Erinnere dich, wie Frau Birchler die Vernachlässigung der Familie durch ihren Vater erklärt (Film, Min. 2). Kommentiere diese Erklärung.

Aktennotiz der Fürsorgebehörde vom 13. September 1951

Aktennotiz der Fürsorgebehörde vom 13. September 1951
  • Ausweisung (Zeile 10): Früher wurden unterstützungsbedürftige Personen aus der Wohnortgemeinde ausgewiesen und in die Heimatgemeinde verbracht. Diese musste sie unterstützen.
  • Zeile 11: den -> denn,
Level 1

Frau Birchler erhielt viele Jahre später Einblick in diese Aufzeichnungen. Stelle dir vor, wie sie sich bei der Lektüre von Zeile 13 gefühlt haben könnte.

Level 2

Ordne für die Zeit von 1951 zu: Wer war zuständig für die Unterstützung von armen Menschen?

  • Wohnortgemeinde
  • Heimatgemeinde
Level 3

Was war der Zweck des Besuchs der Fürsorgebehörde gerade zu diesem Zeitpunkt? Ermittle ihn aus der Gewichtung des gesamten Eintrags.

Foto von MarieLies Birchler, undatiert

Foto von MarieLies Birchler, undatiert

MarieLies Birchler erinnert sich, dass sie geweint hat.

Level 1

Vergleiche den Zeitpunkt und die Datierung mit von dir vorhandenen Fotografien als Kleinkind.

Level 2

Denke nach: Welche Anhaltspunkte über eine mögliche Datierung und über die Armut der Familie könnte man aus dem Bild herauslesen?

Level 3

Beurteile: Inwiefern handelt es sich bei diesem Bild um eine inszenierte Aufnahme, inwiefern nicht?

Eine Arztverordnung

Eine Arztverordnung
Eine Arztverordnung

Ottitis media: Mittelohrentzündung; Hb/Hgl.: Hämoglobin (100% war normal); Turgor: Spannung der Haut; Tonus: Spannung der Muskeln, Fontanelle: Spalten zwischen den Schädelknochen; Intertrigo: eine Hautkrankheit

Level 1

Standardmasse für ein anderthalbjähriges Kind: 76–88 cm gross, 10–11 Kilogramm schwer. Suche entsprechende Angaben über MarieLies Birchler und vergleiche.

Level 2

Kreuze an: Was verordnet der Arzt mit welcher Dringlichkeit?

  • Wegnahme des Kindes
  • Kuraufenthalt
  • Gelegentlich
  • Dringend nötig
  • Unter anderem wegen Familienverhältnissen
  • Ausschliesslich aus gesundheitlichen Gründen.
Level 3

Vergleiche den Arztbefund mit der Schilderung der Frau Birchler (Film, Min. 4).

Waisenhaus Einsiedeln

Protokoll des Waisenamtes Einsiedeln

Das Waisenamt entschied über die Unterbringung von verwaisten oder vernachlässigten Kindern (heute KESB).

Protokoll des Waisenamtes Einsiedeln
Protokoll des Waisenamtes Einsiedeln
Level 1

Was bedeutet der 1. Punkt des Beschlusses? Entscheide eine Vermutung.

  • Die Eltern verlieren das Erziehungsrecht.
  • Für die Kinder werden neue Eltern gesucht.
  • Die Eltern dürfen die Kinder nicht mehr misshandeln.
Level 2

Suche heraus: An welchen zwei Stellen im Protokoll wird das Misstrauen gegenüber den Eltern sichtbar?

Level 3

Interpretiere die Art, wie der Vormund bestimmt wird.

Die Mutter mit den beiden Kindern MarieLies und Hanspeter

Fotografie: Die Mutter mit den beiden Kindern MarieLies und Hanspeter
Die Mutter mit den beiden Kindern MarieLies und Hanspeter

Die Fotografie wurde anlässlich eines Besuchstages in Einsiedeln aufgenommen. MarieLies Birchler weinte, und ihr Bruder versuchte sie zu trösten.

Level 1

Ermittle aus dem mutmasslichen Alter der Kinder den Zeitpunkt dieser Fotografie. Wo befanden sich die Kinder damals?

Level 2

Formuliere einen Gedanken über das Verhältnis der drei Personen im Augenblick der Aufnahme.

Level 3

Ermittle aus der Umgebung der Personengruppe den Ort und den möglichen Anlass für die Fotografie.

Tipp: Beim Ort handelt es sich um den Aufenthaltsort der MarieLies.

Ein «Festtag»

MarieLies Birchler ist ganz rechts abgebildet. Links die zwei jüngsten Brüder und zwischen ihnen der ebenfalls im Waisenhaus platzierte Bruder Hanspeter.

Fotografie von MarieLies Birchler mit drei Brüdern

Nach MarieLies Birchlers Erinnerung ein ganz schlimmer Tag: Sie war bereits am Vortag mit der Drohung, sie erhalte die Kommunion nicht, isoliert worden, hatte in der Nacht das Bett genässt und fürchtete den ganzen Tag, das könnte entdeckt werden. Und ihre Eltern kamen zu spät, als die Feier bereits vorbei war.

Level 1

Beschreibe das Bild und formuliere eine Vermutung, aus welchem Anlass es aufgenommen wurde.

Level 2

Was können wir dieser Fotografie über die Familie der MarieLies Birchler entnehmen?

Level 3

Wie hat sich MarieLies Birchler an diesem Tag wohl gefühlt? Ziehe positive und negative Gefühle in Betracht.

Die Fensterbank

Für einen Dokumentarfilm besuchte MarieLies Birchler wieder die Dachkammer, in der sie so oft eingesperrt worden war.

Fotografie eines Fensters in einer Dachkammer

Aus der Erzählung von MarieLies Birchler (Film, Min. 6, Standardsprache): «[...] und wenn ich mich wieder etwas erholt habe, bin ich auf den Fenstersims hochgesprungen [...] und habe von dort aus auf den Dorfplatz geschaut, zugeschaut, wie die Kinder spielen [...].»

Level 1

Erinnere dich: Welche Bedeutung hat diese Fensterbank in MarieLies Birchlers Erinnerung?

Level 2

Erinnere dich an ihre Erzählung: Wie hat die eingesperrte MarieLies Birchler versucht, mit ihrer Situation umzugehen?

Level 3

Wie ist es wohl für Betroffene, wenn sie an einen solchen Ort zurückkehren? Formuliere dir Gedanken dazu.

Erziehungsheime und Beruf

Abrechnung der Fürsorgekommission

Mit ihrer Entlassung aus der Vormundschaft erhielt MarieLies Birchler von der Fürsorgekommission Einsiedeln eine siebenseitige Abrechnung mit folgendem Schluss:

Abrechnung der Fürsorgekommission
Abrechnung der Fürsorgekommission

Den Schlussbetrag hat MarieLies Birchler aus spontaner Empörung gleich auszuradieren versucht und durchgestrichen.

Level 1

Erinnere dich: Warum hat MarieLies Birchler den Betrag durchgestrichen? (Film, Min. 12)

Level 2

Erinnere dich, wieviel Geld MarieLies hatte und was davon sie der Behörde zurückerstatten musste (Film, Min. 12).

Level 3

Stelle zusammen: Welche beiden Gründe – aus der Vergangenheit und bezogen auf die Zukunft – veranlassten die Fürsorgebehörde zu dieser Rechnung?

Lehrabschlusszeugnis

Lehrabschlusszeugnis als Glätterin
Lehrabschlusszeugnis als Glätterin
Level 1

Beurteile, ob es sich um ein gutes Zeugnis handelt.

Level 2

Erinnere dich an MarieLies Birchlers Erzählung. Vermute: War Glätterin ihr Wunschberuf?

Level 3

Hier das erste Dokument aus MarieLies Birchlers Berufskarriere. Erinnere dich aus der Erzählung, wie diese weiterging. Inwiefern hing die Karriere mit Frau Birchlers Persönlichkeit, inwiefern mit der Entwicklung der Wirtschaft zusammen?

Arbeitszeugnis

Arbeitszeugnis der MarieLies Birchler
Level 1

Rekonstruiere die vier Stationen in MarieLies Birchlers Berufsausbildung (Zeilen 3–7).

Level 2

Zähle stichwortartig mindestens drei Eigenschaften auf, die MarieLies Birchler zugeschrieben werden.

Level 3

Vergleiche MarieLies Birchlers Berufstätigkeit nach diesem Dokument mit ihrer eigenen Erzählung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Michaela Stürner und MarieLies Birchler

MarieLies Birchler besuchte Michaela Stürner bis zu deren Tod immer wieder im Generationenhaus der Katharinenschwestern in Basel.

Fotografie: Michaela Stürner und MarieLies Birchler
Level 1

Deute: Was drücken die beiden Frauen auf der Fotografie aus?

Level 2

Erinnere dich, welche Rolle Michaela Stürner für MarieLies Birchler spielte.

Level 3

Frau Birchler bemerkte beim Betrachten diese Foto: «Michaela war für mich eine Stütze. Nur über die katholische Religion konnte ich mit ihr nie diskutieren.» Vermute, worin der Meinungsunterschied in dieser Frage bestand.

Betreuung von Kindern

Gabriels Ausmalbogen

Gabriel, ein Kind, das MarieLies Birchler betreute, sagte zu seiner Zeichnung: «Die Figur unten bist du.»

Gabriels Ausmalbogen
Level 1

Formuliere einen Gedanken zu Gabriels Kommentar.

Level 2

Frau Birchler kann lange nicht alle Zeichnungen der von ihr betreuten Kinder aufbewahren. Vermute: Warum hat sie wohl diese Zeichnung aufbewahrt?

Level 3

Überlege dir, was an dieser Zeichnung für MarieLies Birchler bedeutsam ist.

Ein Ausflug mit Damian, 2023

MarieLise Birchler hat Damian von klein auf betreut und trifft sich noch mit ihm.

Fotografie: MarieLies Birchler und Damian
Level 1

Errechne am geschätzten Alter von Damian, wie lange MarieLies Bircher schon Kinder betreut. Wann in ihrem Leben hat sie damit begonnen?

Level 2

Erschliesse, wie die Fotografie wohl gemacht worden ist.

Level 3

Interpretiere die Blickrichtung der beiden Personen.

Das Ende von MarieLies Birchlers Erzählung

(Standardsprache, Film, Min. 18)

«Ja, wenn ich sehe. wie ein Kind so von ganz klein aufwächst, wie es entdeckt und Autonomie sucht, schon eine ganz eigene Persönlichkeit hat, mitbringt, und man das Kind vergewaltigt, indem man seine eigenen Vorstellungen überstülpen will, was sie mit uns gemacht haben, das tut nur weh, das tut wirklich nur weh.»

Level 1

«was sie mit uns gemacht haben»: Worauf spielt MarieLies Bircher hier an? Formuliere Gedanken.

Level 2

MarieLies Birchler verwendet hier den Ausdruck «vergewaltigen» für das, was man einem Kind antun kann. Nimm Stellung dazu.

Level 3

Formuliere deine Gedanken zu MarieLies Birchlers Aussage über die Kindererziehung.

Ein Fazit

Helena Gerber (geb. 1955) machte eine ähnliche Jugendzeit durch wie MarieLies Birchler. Sie fasst ihr Leben so zusammen:

«Äusserlich hast du vielleicht schon noch eine Fassade, aber innerlich ist sehr viel kaputt gegangen. [...] Ich habe natürlich immer versucht, irgendwo das Beste daraus zu machen. Ob ich’s geschafft habe oder nicht, weiss ich nicht.»

Level 1

«irgendwo das Beste daraus zu machen»: Stelle fest, wo MarieLies Birchler versucht hat, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Level 2

Vermute, warum der erste Satz häufig von ehemals zwangsversorgten Menschen gesagt wird, sofern sie überhaupt über ihre Vergangenheit sprechen.

Level 3

Vergleiche Helena Gerbers Fazit mit demjenigen, das MarieLies Birchler ziehen würde. Du kannst natürlich nur Vermutungen formulieren.