(00:00) Mario Delfino wurde 29. November 1955 in Bergamo (Italien) geboren und wuchs dort unter dem Namen Giovanni in einem Waisenhaus auf. Er wurde von einer Erzieherin namens Maria liebevoll betreut. Am 1. April 1960 wurde er von seinen zukĂĽnftigen Adoptiveltern Delfino abgeholt und nach Thalwil verbracht. Diese verstanden ihn nicht und misshandelten ihn. Zwischendurch platzierten sie ihn in einem Heim in Altdorf. Wegen eines Jugendstreiches, den er von sich aus in Ordnung brachte, wurde er dem Jugendanwalt vorgefĂĽhrt und, von seiner Adoptivmutter im Stich gelassen, durch diesen in ein Heim eingewiesen.
(07:39) Am 3. Oktober 1968, mit 12 Jahren, wurde Mario Delfino vom Schulhausplatz weg verhaftet und in die Arbeitserziehungsanstalt St. Georg in Knutwil (LU) gebracht. Dort wurde er als «Nr. 119» gedemütigt, von Ordensbrüdern misshandelt und sexuell missbraucht. Als Italiener wurde er auch von den anderen Knaben gemobbt. Er entdeckte in der Bibliothek das Buch «Papillon» von Henry Charrière. Dadurch inspiriert floh er über Paris nach Marseille, um sich für die Fremdenlegion zu melden – erfolglos.
(14:23) Bei einem Polizeieinsatz in der Arbeitserziehungsanstalt wurde Mario Delfinos Misshandlung festgestellt und er wenig später 1972 unvorbereitet entlassen. Sein Entlassungsschreiben warnte vor ihm: «schwer sozial geschädigt», «Achtung: gewalttätig». Der Jugendanwalt wollte ihn sofort in die nächste Anstalt versorgen lassen, aber eine Sozialarbeiterin, Frau Veronika Fraefel, nahm ihn ernst. Sie und dann Pfarrer Ernst Sieber unterstützten ihn beim Aufbau einer eigenen Existenz.
(22:08) Veranlasst durch Sohn und Ehefrau besuchte Mario Delfino mit ihnen zusammen die Heime in Altdorf und Knutwil, ohne aber sein erlittenes Leid zur Sprache zu bringen. Erst die Aufforderung von Guido Fluri 2019, im Rahmen der Aufarbeitung der Missbräuche in der katholischen Kirche seine Forderung nach einer Aufarbeitung dem Papst vorzutragen, veranlassten Mario Delfino dazu, das ganze Ausmass seiner Misshandlung zu erzählen – für die anderen Opfer, die das nicht mehr tun können.