(00:00) Sergio Devecchi wurde 1947, zehn Tage nach seiner Geburt, in das Heim «Gott hilft» in Pura bei Lugano platziert. Vermutlich war seine uneheliche Geburt die Ursache. Seine Mutter und die Grossmutter waren wohl überfordert. Genaue Erinnerungen reichen zurück auf seinen Eintritt in den Kindergarten im Dorf, als er drei oder vier Jahre alt war. Hier realisierte er zum ersten Mal, dass die Heimeltern gar nicht seine wirklichen Eltern waren, weil er ausgegrenzt wurde. Aber niemand erklärte ihm die Umstände.
(05:48) Mit elf Jahren wurde Sergio Devecchi unvermittelt und ohne Information aus dem Heim in Pura genommen, weil dieses geschlossen wurde – was ihm aber niemand erklärte. Aus verschiedenen Heimen in der Nähe flüchtete er immer wieder, so dass er schliesslich ins entfernte Graubünden, nach Zizers ins Heim der gleichen Stiftung «Gott hilft», versetzt wurde. Hier herrschte ein religiös geprägtes, strenges und teilweise gewalttätiges Regime durch das Heimpersonal. Das Heim beruhte auf ausbeuterischer Kinderarbeit. Sergio Devecchi konnte immerhin die Sekundarschule besuchen und als Stallbub Verantwortung für Tiere übernehmen.
(14:24) Nach seiner Konfirmation wurde Sergio Devecchi unvermittelt durch seinen Onkel aus dem Heim geholt und bald isoliert in einem Zimmer in Lugano untergebracht. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre, konnte sich aber mit seinem Lehrlingslohn nicht durchbringen. Er hatte dauernd Hunger, verwahrloste – die schlimmste Zeit in seinem Leben. Zufällig traf er einen Sozialarbeiter, der sich seiner annahm. Er ermutigte ihn nach dem Abschluss der Lehre, 1969 die Ausbildung zum Sozialpädagogen aufzunehmen.
(18:45) Nach Abschluss der Ausbildung (1973) arbeitete Sergio Devecchi in verschiedenen Heimen in Kaderfunktionen, darunter im Jugendheim der Schenkung Dapples in Zürich (1974–1978, 1987–2009) und beim Aufbau der Jugendstätte Bellevue in Altstätten SG (1984–1987). Erst bei seiner Pensionierung 2009 machte er seine Vergangenheit als Heimkind publik. 2017 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel «Heimweh».