Claude Richstein

(00:00) Claude Richstein wurde 1961 als Sohn einer 35-jährigen Magd und des 18-jährigen Sohnes ihrer Dienstherrin in Thun geboren. Weil seine Mutter arbeiten musste, wurde er in einem Kinderheim platziert. Dort wählten ihn Pflegeeltern im Hinblick auf eine Adoption aus. Bei ihnen verbrachte er seine Jugend auf dem Hasliberg (Berner Oberland). Die Mutter willigte jedoch nicht in eine Adoption ein, konnte oder wollte aber nicht für ihren Sohn aufkommen. Claude Richstein verbrachte eine wohlbehütete Jugend. Zu seinem zehn Jahre älteren «Bruder», einem Neffen seiner Pflegemutter, hatte er ein enges Verhältnis. Aber als Claude Richstein zwölf Jahre alt war, konnten oder wollten ihn die Pflegeeltern nicht mehr ohne Entschädigung behalten.

(04:08) Claude Richsteins dominanter Vormund Kunz versetzte ihn in eine neue Pflegefamilie in Siders (Wallis). Ungefähr ein Jahr später, 1974, warf er Claude Richstein vor, Zigaretten gestohlen zu haben. Das war ein Vorwand, um ihn in das Schulheim in Aarwangen zu versorgen. Der Heimleiter dort war autoritär und wollte Vater genannt werden. Aber teilweise hatte Claude Richstein gute Erzieher. Die Knaben wurden für harte Landwirtschaftsarbeit eingespannt. Das Niveau des Schulunterrichts war sehr tief, Claude Richstein wurde nicht gefördert. Die Zeit im Heim machte ihn depressiv. Mit 16 Jahren wurde er für das Heim zu alt. Der Vormund verdingte ihn in eine Bäckerei nach St. Blaise (NE). Dort wurde Claude Richstein mit harter Arbeit und tiefem Lohn ausgebeutet. Als er eine bessere Stelle in Aussicht hatte, versetzte ihn der Vormund in ein Heim für schwererziehbare Knaben in Birr (AG). Eine Abklärung ergab, dass er dort am falschen Platz war. Endlich konnte er zu seinem «Bruder» nach Oberglatt (ZH) ziehen, und mit 18 Jahren konnte er seinem Vormund eröffnen, er sei nun als Sohn einer deutschen Mutter nach deutschem Recht mündig. Trotzdem litt er unter einer schweren Depression.

(12:09) Claude Richstein absolvierte eine Lehre als Sportartikelverkäufer, übte aber den Beruf nie aus. Er litt mit der Zeit nicht mehr an der Depression und konnte zu leben beginnen. Fünf Jahre lang verteilte er auf Rollschuhen Plakate für den Zirkus Knie in der ganzen Schweiz. Das war seine schönste Zeit. Ferner war er auf Montage. Mit 60 ging das gesundheitlich nicht mehr, deshalb begann er nun die Ausbildung als Spitex-Mitarbeiter. So kann er Menschen begegnen, denen es nicht gut geht, und sie aufheitern.

(17:25) Claude Richstein verheimlichte seine Heimvergangenheit nie; es ist ihm egal, was andere Menschen über ihn denken. Sein Glaube hat ihm geholfen, mit 23 Jahren von den Drogen loszukommen und den Schmerz über seine Jugend zu überwinden. Er fand für sich den Sinn des Lebens. Er kann Heimkinder, Süchtige und deprimierte Menschen verstehen, ihnen zuhören und sie abholen.

Zeitleiste

Revision des Zivilgesetzbuches (ZGB), 1981: Seither müssen Zwangsmassnahmen durch ein Gericht überprüft werden können.
Gesetz über die Aufarbeitung, 2017: Die Betroffenen werden rehabilitiert und erhalten einen Solidaritätsbeitrag.

Jahr Titel Typ des Anlass
1961 Geburt Mensch
1974 Schulheim Aarwangen Mensch
1977 Herumgeschoben Mensch
1979 MĂĽndigkeit Mensch
1981 Revision des ZGB Welt
1989 Ende Kalter Krieg Welt
2017 Gesetz ĂĽber die Aufarbeitung Welt
2021 Spitex-Ausbildung Mensch

GlĂĽcklicher Pflegebub

Der erste Geburtstag, 28.7.1962

Claude Richstein mit Geburtstagstorte
Claude Richstein mit Geburtstagstorte
Level 1

Beschreibe, wie Claude Richstein an seinem ersten Geburtstag aussah.

Level 2

Suche in seinen Gesichtszügen nach Merkmalen, die du auch aus seinem Gesicht als Erzähler kennst.

Level 3

Wie lauteten wohl die Anweisungen an Claude Richstein, also die Fotografie gemacht wurde? Vermute.

Claude Richstein mit seinem grösseren «Bruder»

Claude Richstein mit seinem grösseren «Bruder»
Claude Richstein mit seinem grösseren «Bruder»

Der «Bruder» war ein Neffe seiner Pflegemutter. Als deren Schwester bei einem Unfall starb, nahm sie das eine von vier Kindern gleich zu sich. Die beiden ehemaligen Knaben pflegen bis heute eine gute Beziehung.

Level 1

Schliesse von dieser Fotografie auf das Verhältnis zwischen den beiden Knaben.

Level 2

Betrachte die Umgebung der beiden Knaben: Suche ein Merkmal, das auf die Gegend schliessen lässt.

Level 3

Neben dem Neffen und Claude Richstein hatten die Pflegeeltern noch einen weiteren Knaben adoptiert. Ziehe RĂĽckschlĂĽsse auf die Pflegeeltern.

École d’humanité, Hasliberg/Goldern

École d’humanité, Hasliberg/Goldern
École d’humanité, Hasliberg/Goldern
Level 1

Erinnere dich: Welche Erinnerungen verbindet Claude Richstein mit dem Ort Hasliberg?

Level 2

Erinnere dich: Welche Bedeutung schreibt Claude Richstein dem Aufenthalt bei den Pflegeeltern zu?

Level 3

Fasse zusammen: Wie beurteilt Claude Richstein das Verhalten seiner Pflegeeltern?

Halbvolles, halbleeres Glas

Halbvolles Glas
Halbvolles Glas

«Ist das Glas halb voll oder halb leer?» fragt Claude Richstein im Hinblick auf seine Zeit bei den Pflegeeltern auf dem Hasliberg (Film, Min. 4).

Level 1

Deute: Was ist ganz allgemein mit dem Ausdruck «halbvolles – halbleeres Glas» gemeint?

Level 2

Wie entscheidet Claude Richstein die Fragen nach dem halbvollen, bzw. halbleeren Glas, bezogen auf seine Zeit bei den Pflegeeltern? BegrĂĽnde deine Entscheidung.

Level 3

Schliesse aus Claude Richsteins Antwort auf seine generelle Art, die Ereignisse in seinem Leben einzuschätzen.

Leidenszeit in Heimen

St. Nikolaus, 1965

St. Nikolaus, 1965
St. Nikolaus, 1965

Claude Richstein erinnert sich, schreckliche Angst vor dem ersten Besuch des St. Nikolaus gehabt zu haben. Bei der Betrachtung der Fotografie (2024) fällt ihm spontan ein: «Es war dasselbe Gefühl, das ich jedes Mal bei der Begegnung mit dem Vormund hatte.»

Level 1

Kommentiere, wie Claude Richstein beim Nikolaus-Besuch angezogen war.

Level 2

Wenn du auch einmal dem St. Nikolaus begegnet bist: Welche Erinnerungen hast du daran?

Level 3

Kommentiere die Tatsache, dass Claude Richstein sich noch nach 40 Jahren an seine Angst vor dem St. Nikolaus bzw. dem Vormund erinnert.

Claude Richsteins Aufenthaltsorte

Claude Richsteins Aufenthaltsorte 1973–1978
Claude Richsteins Aufenthaltsorte 1973–1978
Level 1

Erinnere dich an Claude Richsteins Erzählung: In welcher Reihenfolge war er an den vier Orten untergebracht?

Level 2

Entscheide: An welchen zwei Orten lebte Claude Richstein nur je ein Jahr?

  • Siders
  • Aarwangen
  • St. Blaise
Level 3

Claude Richstein war zwischen 1973 und 1977 Heimkind, Pflegekind, Verdingkind. Stelle zusammen: Was war er an welchem Ort?

Das Schulheim Aarwangen

Der Historiker Hans Dreyer verfasste eine Geschichte des Schulheims Aarwangen:

«Im Gegensatz zu den privaten Landerziehungsheimen war hier [im Schulheim Aarwangen] bei dieser staatlichen Einrichtung die Möglichkeit nicht gegeben, eine Selektion zu treffen und allenfalls Kinder zurückzuweisen.»

(Quelle: Hans Dreyer: Das Schulheim fĂĽr Knaben in Aarwangen 1863 bis 1986. In: Berner Zeitschrift fĂĽr Geschichte und Heimatkunde, 61. Jg., Heft 2, Bern 1999, S. 45, vereinfacht)

Level 1

Erkläre: Von wem werden staatliche Heime geführt, von wem private?

Level 2

Fasse zusammen: Was war der Unterschied zwischen einem privaten und einem staatlichen Heim, bezogen auf die Heimkinder?

Level 3

Ziehe eine Schlussfolgerung: Welche Folge hatte dieser Unterschied zwischen einem staatlichen und einem privaten Heim fĂĽr Claude Richstein?

Urteile ĂĽber den Schulheimleiter in Aarwangen

Auf der Webseite «kinderheime-schweiz.ch» charakterisieren drei weitere ehemalige Heimkinder den Heimleiter des Schulheims Aarwangen, von dem Claude Richstein erzählt:

«Ich war in diesem Heim von 1954 bis Frühjahr 1959. Der damalige Vorsteher war Hans Gfeller. Seines Zeichens Hauptmann der Schweren Minenwerferbatterie 4. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass eine gewisse Autorität von ihm ausging. Ich kann mich nicht erinnern, dass er im übertriebenen Masse bestraft hat. Wurde man wegen einer Verfehlung in sein Bureau beordert, gabs allerhöchstens auf den Hintern.» (Marcel43, 2011)

«Ich war von 1954 bis 1957 in Aarwangen. Natürlich waren die Erziehungsmethoden zu dieser Zeit noch völlig anders als heute. Die Hauseltern (Hans Gfeller und Elisabeth Gfeller) waren sehr korrekt, besonders Frau Gfeller war eine sehr gute Heimmutter.» (arnoldberger, 2015)

«Hans Gfeller war auch mein Heimvater, aber erst von 1971–1979. Ich bin der Meinung, fair behandelt worden zu sein.» (Samuelstadler, 2014)

(Quelle: Link (abgerufen 12.9.2024)

Level 1

Formuliere drei Adjektive zur Charakterisierung des Heimleiters in diesen Kommentaren.

Level 2

Vergleiche die drei Charakterisierungen mit der Beurteilung durch Claude Richstein (Film, Min. 6–8).

Level 3

Die drei Charakterisierungen stammen aus zwei verschiedenen Zeiten: Stelle eine Entwicklung in der Beurteilung fest.

Zu leben beginnen

18!

Zahl 18
Level 1

Erkläre: Was bedeutete der 18. Geburtstag für Claude Richstein?

Level 2

Erkläre: Warum war der Vormund verblüfft, dass Claude Richstein schon mit 18 Jahren mündig wurde?

Level 3

Erinnere dich: Mit welchem GefĂĽhl schildert Claude Richstein seine letzte Begegnung mit dem Vormund?

Eine wissenschaftliche Untersuchung

Aus dem Bericht einer Kommission, die sich mit fĂĽrsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen befasste (2019):

«Der Psychotraumologe [Spezialist für die Nachwirkungen psychischer Verletzungen] Andreas Maercker befragte im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Universität Zürich ehemalige Verding- und Heimkinder, wie es ihnen heute geht. Die Antworten sind leider wenig überraschend. Viele Betroffene leiden nicht nur unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, sondern auch unter Depressionen. Sie erleben sich als gleichgültig und denken oft an Suizid. [...] Das scheinbar Vergangene, es reicht weit in die Gegenwart hinein.»

Quelle: Unabhängige Expertenkommission Administrative Versorgungen (Hsg.) (2019): Organisierte Willkür. Administrative Versorgungen in der Schweiz 1930–1981. Schlussbericht. Band 10 A, Zürich, S. 328

Level 1

Ermittle aus dem Text: Welches sind oft zwei Wirkungen eines Aufenthaltes in einer fremden Familie oder einem Heim?

Level 2

Vergleiche Maerckers Forschungsergebnis mit der Erzählung von Claude Richstein.

Level 3

Vergleiche Maerckers Forschungsergebnis mit Claude Richsteins Leben: Inwiefern trifft das Ergebnis zu, inwiefern nicht?

FĂĽr den Zirkus Knie unterwegs

Zirkus Knie
Der Zirkus Knie im Rapperswiler Quartier, 2013 (Foto: Roland Fischer)
Level 1

Fasse zusammen: Welche Bedeutung hatte der Zirkus Knie fĂĽr Claude Richstein?

Level 2

Erinnere dich an Claude Richsteins Arbeit fĂĽr den Zirkus Knie: Was war seine Aufgabe?

Level 3

Charakterisiere: Wie erzählt und wie beurteilt Claude Richstein seine Arbeit für den Zirkus Knie?

Spitex: Flexibilität gefragt

Plakat der Spitex
Beispiel aus der Image-Kampagne der Spitex 2024
Level 1

Welche Bedeutung hat die Spitex fĂĽr Claude Richsteins Berufsleben?

Level 2

Die Spitex-Organisation verlangt von ihren Mitarbeitenden Flexibilität (und bietet sie ihnen auch). Wäge ab: Bringt Claude Richstein diese Flexibilität mit?

Level 3

Bringe das Werbeplakat mit Claude Richsteins Erzählung in Verbindung.

«Ist der Ruf erst ruiniert …»

Claude Richsteins Motto

«Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.»

Level 1

Formuliere den Spruch in eigener Sprache.

Level 2

Entscheide dich für eine Variante: Claude Richstein meint mit dem Motto: «Ich kümmere mich nicht um ...

  • … andere Menschen.»
  • … das Bild, das sich andere von mir machen.»
  • … das, was in Zukunft geschieht.»
Level 3

Das von Claude Richstein 2019 zitierte Motto ist wieder populär geworden durch Andy Borgs gleichnamigen Schlager von 2023. Vermute: Inwiefern könnte er einem Zeitgefühl entsprechen?

Claude Richstein während seiner Erzählung

Claude Richstein
Level 1

Deute Claude Richsteins spontanes Zeichen.

Level 2

Deute: Wie fĂĽhlte sich Claude Richstein in diesem Augenblick des Interviews? (Film, Min. 18)

Level 3

Überlege: Claude Richtsteins Handzeichen dauert etwa eine Sekunde. Inwiefern könnte es für seinen Umgang mit seiner Vergangenheit stehen?

Glaube – Drogensucht

Claude Richstein: «Ich nahm mit 23 meinen letzten Joint.» (Film, Min. 19)

Level 1

Erinnere dich an Claude Richsteins Erzählung: Warum wurde er drogensüchtig?

Level 2

Erinnere dich an die Erzählung: Welches war Claude Richsteins Motiv für den konsequenten Verzicht auf Drogenkonsum?

Level 3

Stelle einen Zusammenhang her: Warum kann Claude Richstein genau sagen, in welchem Alter er mit dem Drogenkonsum aufhörte?

Keine Eile mit dem Solidaritätsbeitrag

Seit 2017 können von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen betroffene Menschen einen «Solidaritätsbeitrag» von 25'000 Franken beantragen. Knapp 11'000 haben das getan, Claude Richstein aber (Stand 2023) noch nicht.

Level 1

Überlege: Warum müssen Betroffene den Solidaritätsbeitrag beantragen – und erhalten nicht einfach ausbezahlt?

Level 2

Warum werden die 25'000 Franken als «Solidaritätsbeitrag» und nicht als «Entschädigung» bezeichnet? Formuliere deine Vermutung.

Level 3

Bringe Claude Richsteins Zurückhaltung in Verbindung mit seiner Erzählung.