(00:00) Uschi (Maria Ursula) Waser wurde 1952 geboren. Ihre Mutter war ausserehelich von einem verheirateten Mann schwanger geworden. Sie war eine Jenische und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Hausieren. Jenische sind ursprünglich ohne festen Wohnsitz, also nomadisch lebende Menschen, die heute oft sesshaft geworden sind. Die sesshafte Bevölkerung misstraute ihnen. Dr. Alfred Siegfried, der Leiter «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute, sorgte dafür, dass der Mutter das Kind weggenommen und er als Vormund eingesetzt wurde. Das «Hilfswerk» setzte sich nämlich zum Ziel, die Jenischen sesshaft zu machen und ihre Kultur auszulöschen. In der Folge wurde Uschi Waser in ihren ersten 15 Lebensjahren 25-mal umplatziert.
(03:34) In der Nacht auf ihren 14. Geburtstag weilte Uschi Waser vorübergehend bei ihrer Mutter und wurde von ihrem Onkel vergewaltigt. Die Mutter platzierte sie am nächsten Tag in das Heim «Zum Guten Hirten» in Altstätten. Uschi Waser war auch von ihrem Stiefvater mehrfach sexuell missbraucht worden. Im Heim verblieb Uschi Waser fünf Jahre und lernte hier den Beruf der Damenschneiderin, weil sie erst nach abgeschlossener Lehre das Heim verlassen konnte.
(09:47) Im April 1971 wurde Uschi Waser nach brillant abgeschlossener Lehre aus dem Heim entlassen. Die Heimverwaltung hatte ihr noch eine Stelle beim Kleidergeschäft Spengler in St. Gallen vermittelt, aber sich sonst nicht mehr um sie gekümmert. Sie war unvorbereitet mit einem selbstbestimmten Leben konfrontiert, orientierungslos und kehrte deshalb zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater ins Tessin zurück. Dort musste sie weiterhin Kleider nähen und wurde mit einem zwölf Jahre älteren Mann verkuppelt. Mit ihm hatte sie es zuerst gut, aber als Alkoholiker schlug er sie immer wieder. Sie liess sich scheiden.
(15:52) 1972 kamen die Machenschaften des «Hilfswerks» in die Medien, im Jahr darauf wurde die Stiftung geschlossen. Das Ringen um die Akten begann, und erst nach der Entschuldigung des Bundesrates 1986 wurde Akteneinsicht gewährt. Uschi Waser forschte schon vorher nach ihrer persönlichen Geschichte und engagierte sich für die jenische Gemeinschaft. Als eine der ersten konnte sie die Akten des «Hilfswerks» einsehen. Sie engagiert sich heute in der Aufarbeitung des Unrechts durch die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Sie setzt sich darüber hinaus dafür ein, dass auch das durch die Strafjustiz verübte Unrecht an betroffenen Personen untersucht wird.